Ich: “Schade, ist mir mal wieder zu trancig. ich gehe!”. Er: “Musst dir einfach vorstellen es sind Jeff Mills Platten. Dann gehts.” Es ging.
Der Unstille Kollege
Kommt rein und singt: “54, 74, 90, 2006 - wir stimmen alle ein / mit dem Herz in der Hand, mit der Leidenschaft im Bein / werden wir Weltmeister sein”. Er sagt: “Ich habs nie gehört, jetzt kann ichs.”
Was Ich Mir Gekauft Habe
Einen WM-Fußball mit alter Naht aber echtem “Teamgeist” Aufdruck (sind ja gar nicht mehr aus Leder). Zwei Joola-Tischtennisschläger mit 3 Bällen. Ziehen gut. Einen iPod-Shuffle. Ist groß genug, danke. Zwei Hosen für den Schrank. Eine lange kurze Hose (die ich nicht mit Badeschlappen tragen werde, keine Angst). Guitar Hero, Singstar Rocks und Tekken 5 für PS2. Advance Wars:Dual Strike fürs DS. Alleine game ich ja leider nicht wegen Leeregefühl!
Ausladender Arbeitstag in Echt
Arbeitszeit: 12h = 720 min, davon:
Mittagspause: 60 min. Abendpause: 60min. Cola holen: 5x5min = 25min. Essen holen: 2x5min. = 10min. Wasser in Küche holen: 5x0.2min = 1min. Essen in Küche machen: 2x2min = 4min. Einfach so in Küche gehen: 7x0,2min = 1.4min. Fenter wiederaufmachen: 5x0.1min = 0.5min. Tisch kontrollieren (ungeschraubtes Wackelbein, siehe Tics und Tricks): 20x0.2min = 2min. Musik/Podcast aussuchen: 5x2min. = 10min. unerwarteter Config-Kram (kann auch baulich oder hauswirtschaftlich sein) = 20min. Chatten Privat: 20x1min. = 20min. Telefonieren Privat: 20min. Bloggen(!): 30min. Surfen: 60min. Tür aufmachen (Gast): 2min. Toilettengänge light: alle 20min für 0.5min. = 24min. 1.5 Toillettengänge heavy: 1.5 * 2min. = 6min.
Bleibt: 364.1min. ?= 6h (vom 12h Tag)
Telefonieren, Essen (am Rechner), Trinken und Reden gilt als Arbeit.
Ganz gut eigentlich!
Aus. Vorbei. Ahoi!
Holt Euch Die Zeitung Zurück!
Es gibt die Praktiker (passiv) und die Theoretiker (aktiv). Die Praktiker gucken die WM live, die Theoretiker denken sie. Mischformen sind möglich. Bis auf Netzer, in Ansätzen Klopp und ein ganz klein wenig Effenberg sind die TV-Analytiker intellektuelle Totalschäden. Also mal wieder Print. Who wants yesterday papers? Icke-micke.
WM-Print-Top 3:
1. FAZ Beste Kolumne: “WM-Geschichte in 99 Kapiteln”. Basiswissen aus der WM-Historie über “Müllerlehrlinge” und “Dusch- und andere Unfälle”.
2. Junge Welt Beste Spiel-Berichterstattung, hier wird Fussball noch in der Ich-Form gelebt wie im aktuellen Coca-Cola-Spruch “It’s your Heimspiel. Make it real”.
“Kurz vor Schluß taucht auch noch ein Mann namens “Fred” auf und schießt das 2:0. Wir haben von Fred noch nie gehört, aber das war immer so bei Brasilien. In vier Jahren wird Fred der neue Robinho sein, wenn Robinho Ronaldo in der Rolle des müden Klassikers abgelöst hat. Und irgendwer wird dann eben der neue Fred.” (20.6., Jochen Schmidt über Brasilien-Australien)
“Ich stecke durch Niesen noch ein paar Tresengäste mit meinem unheilbaren Fußballfieber an, trinke das Bier auf Ex und mache mich auf den Weg ins Bordell, ich meine natürlich zu mir, nach Hause, in mein einsames, kaltes Krankenlager.” (20.6., Ahne über Südkorea-Frankreich).
“Aber die optischen Funktionen waren bereits ausgereift, wie ich zwei Stunden später in den Sony-Studios feststellen konnte: Kaum hatte ich den Blickschutz aus Glasfieber und virtuellem Chrom übergestülpt, sah ich alles mit den Augen von Torwart Kawaguchi. Ich fixiere den Ball auf dem Elfmeterpunkt in der 22. Minute, suche mein Wa, meine meditative Mitte tauche nach links in die Ecke, fauste die Kugel heraus. Ein paar Minuten später sehe ich einen blonden Riesen im japanischen Fanblock, zoome heran: tatsächlich, Kahn.” (20.6., Jürgen Elsässer über Kroatien-Japan)
3. Bild Bester Klassiker. Noch etwas unter Form. “Salto-Klose: ich habe zwei Metallplatten im Kopf”, “Tschechien kommt weiter…, Italien kommt weiter…, USA kommen weiter…Ghana kommt weiter” (22.6.). Pädagogisch erschreckend wertvoll. Das Geschreibe von “Schlappwehr” und “Alptraum-Abwehr” machte aus Klinsmanns Offensivkonzepten wieder das alte Herz-aus-Beton-Spiel, aber mit flottem Mitteldfeld.
Absteiger
1. 11 Freunde Tägliche Beilage im Tagesspiegel. Übertrainiert und unterformidabel. Ratlosigkeit auf der Bank. “Argentinien: Ein himmlisches Versprechen”, “Von Wölfen und Schafen - Dieter Hoeneß über Führungsqualitäten” (21.6.)
2. taz Größte Enttäuschung der WM. Für täglich acht Seiten Beilage den Boulevardteil “taz zwei” rausgeworfen und dann am Mittelkreis verlegen an sich rumgemacht. Ohne den langjährigen menottiartigen Trainer Matti Lieske (mittlerweile Berliner Zeitung) die langweiligsten Spielberichte seit taz-Gedenken (Markus Völker, Andreas Rüttenauer, Ronny Blaschke). “Mexiko sagt: Danke Portugal”, “Du bist Schweden!” und Gregor Gysi lockert und läutert sich deutschnational: “Hier entsteht im Verhältnis zur eigenen Nation zum ersten mal etwas Normales, Unverkrampftes, Souveränes. Das ist ein richtiges Erlebnis für mich. Das beruhigt mich.” (22.6.)
Tics Und Tricks
Top Ten eines analen Charakters (vorläufig):
- Wohnungstür abgeschlossen?
- Sitzt das Kondom richtig?
- Herdplatte an?
- Wachs / Glasscherben mitgegessen?
- Staubsaugerbeutel leer?
- Genug Schlaf?
- Vitamine konsumiert?
- Kinder mißhandelt?
- Zigarettenvorrat ausreichend?
Das Schöne, Das Weiche, Das Gute
David Beckham ist der Meister des ruhenden Balles. “Mein Job ist es, gefährliche Freistöße zu schießen”. Und Ecken (Elfmeter nicht ganz). Ganz einfach. Wer ihn als Ästheten nicht mag, ist Sexist. “Du hast die Haare schön” singen ihm die Tumbos an der Großbildleinwand entgegen (mit Tim Toupet aus Big Brother, 6. Staffel). Beckham ist läppisch in den Zweikämpfen? Und?! Er hatte rosagefärbte Fingernägel? Das wurde Mode in UK. Er verschwendet das Geld? Er und Posh Spice kommen aus der Arbeiterklasse und machen nicht wie die Altreichen auf schäbig. Beckham geht frisiert zur Arbeit.
Engel, Nicht Engels (Friedrich)
Ja, die Arbeiterklasse mit ihrer toten Fahne. Es gibt einen Helden der Popkultur, den kaum jemand kennt. Er heißt Stefan Engel und ist von Beruf Arbeiterführer. Seit 24 Jahren ist der gelernte Schlosser Vorsitzender der MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands) und damit länger Parteivorsitzender, als es August Bebel, Ernst Thälmann oder Erich Honecker jemals waren. Nur Enver Hoxha oder Kim Il-Sung haben noch länger als Parteivorsitzende der Arbeiterklasse gedient oder zumindest geglaubt, dies zu tun. Der größte Witz an der MPLD ist natürlich der, daß sie nicht weiß, wie witzig sie ist. Bester Agit-Prop-Spruch aller Zeiten: “Schluß mit den Lügen in Bonn!”
Freundliche Ruhige HandwerkerInnen
Wo seid ihr? Immer nur beim ersten Mal! Dann doch wieder: Schwitzig aus der Ruhe geraten, nicht mehr ansprechbar, Zeit wird nur noch als Minimum kalkuliert, Hände dazwischen saubermachen unterschätzt, Humor verschwunden. “Etwas ordentlich machen” ist voller Irrwege und unerwarteter Addons, impliziert offensichtlich ein Leben voller generösem Könnertum und will, nein muss jederzeit geduldig behandelt werden.
