Niemand arbeitet mehr an der persönlichen Rufschädigung als die Exfreundin. Mit dem Gestus der Totalerfahrenen und Superhistorikerin setzt sie haltlose Gerüchte in die Welt: “X kam mal mit Lauchstangen vom Einkaufen und hat gesagt: ’ Die hatten kein Lauch mehr, da hab ich Paprika mitgebracht.’” Das stimmt so natürlich überhaupt nicht.
Sein Und Zeit (3): Zweikammer-Gasfeuerzeug
Die Seinsfrage im Dasein wird leider viel zu oft beantwortet. Das Feuerzeug geht nicht, weil es scheiße ist. Es kostet um Ein Euro herum und zündet exakt 10 mal. Danach beginnt die Flamme zu mucken.
Das Feuerzeug suggeriert mit einem Schalter Feinjustierung. Entweder köchelt die Flamme in Richtung Verhöhnung und Unanzündbarkeit der Zigarette oder sie sengt schockartig überdimensioniert die Haare an. Weiter suggeriert das Feuerzeug Transparenz. Was nicht zündet, ist beobachtbar in den zwei Kammern. Davon ist aus apriorischer Rätselhäftigkeit - ähnlich den unergiebigen, lebenslangen Testreihen, was denn nun besser sei: Hasch oder Gras? - die eine Kammer mehr gefüllt als die andere. Das suggeriert Reichtum, von dem man selbstverständlich gar nichts hat. Und es suggeriert Bewegung. Die Gasflüsigkeit läßt sich von einer in die andere Kammer umschütten - ohne Effekt. Dagegen zündet ein Bic-Feuerzeug, auch nach Abschaffung des kleinen Rädchens zur Flammenregulierung, problemlos an die 2000mal. Man bekommt es immer seltener. Bevor irgendjemand über Grundeinkommen oder Bürgergeld fabuliert, sollte das Menschenrecht auf Bic-Feuerzeuge poltisch durchgesetzt werden.
Langeweile Labor
Also hier nochmal die ultimative Übersicht warum Rockkonzerte gelinde gesagt lengthy sind. Geld spielt dabei wie immer keine Rolle. Vorgriff: Einziger Vorteil bei Konzerten: Währenddessen ist die Toilette und die Bar frei. Davor und danach aber gar nicht.
Übersichtstabelle:
Rave/Party Rockkonzert
Verlauf des Abends unter 25
Es fängt unübereilt an und läuft unkontrolliert aus dem Ruder.
Es fängt zu früh an, man geht noch früher hin und alle gehen sofort nach Hause nach dem Konzert
Verlauf des Abends über 25
Es fängt beliebig an und läuft unkontrolliert aus dem Ruder.
50% gehen pünktlich hin, was meist immer noch zu früh ist, alle gehen sofort nach Hause nach dem Konzert.
Musikalisches Kritikverhalten
Normal
Kritiklosigkeit, Verblendung, Völlig irrelevantes Bestehen auf möglichen Happening-Charakter. “Da passiert was besonderes, weil live”
Bewegungsraum
Überall rumlaufen, überall rumstehen
Blick auf die Bühne, blödes Kopfnicken
Kommunikation
Vertiefung bestehender Freundschaften, neue Bekanntschaften
Ungutes Gefühl die Freunde seien Roboter
musikalische Qualität und Quantität
Ein Pool aus der gesamten Musikgeschichte in bester Qualität wie man sie kennt und liebt
Eigene Stücke einer Combo, von denen 20% gut sind werden nochmal vermurkst nachgespielt
Review-Verhalten
Hier und da super, Absturz, Erkenntnis
war enttäuschend, aber nächstes mal wieder
Kommt schon. Mal schön dastehen und nachdenken kann man immer.
In the Heat of the Händewaschen
Die Weichgirls und - Boys werden mehr. Schon mal drauf geachtet? Kaltes Wasser halten immer weniger Menschen aus. Liegt auch an den fast nur noch anzutreffenden Misch-Amaturen in Klos und Badezimmern, diese neuen einarmigen Banditen. Nicht bloß warmes Wasser darf aus dem Wasserhahn kommen, nein: es muß fast dampfen. Zum Händewaschen wird der Misch-Schalter meist links von der Mitte weggedreht vorgefunden. Haarewaschtemperatur ist der neue Standard für die Hände. Ein leichter Brüh-Schmerz wird gut gefunden. Die Handtücher sind dann superflauschig. Wie scheinbar das Leben doch noch sein soll.
Manntag Schon Wieder
Hey ihr blöden Affen. Es heisst wenn überhaupt Personentag. Da wird einem schlecht. Liegt das an den doofen Hemden? Sogar bei wikipedia gibt es eine wortlos diskrete Umleitung.
Learn to Speak English Part 1
Das Geek-English ist perfekt, Lesen ohnehin. Chatten fliesst locker. Mal eine falsche Satzstellung oder Zeit. English reden ist ein ganz anderes Thema, gerade für ehemalige Stotterer die den von Stephen King in “Es” beschriebenen bloss-nicht-schocktherapie Umweg über Alternativausdrücke eingeschlagen haben (Strauss von Alternativen für Sprachzentrum bereithalten, Mut zum umständlich Reden haben, Vermeiden von Situationen, in denen genau klar ist was man sagen wird (zB eigener Name)). Irgendwann ist dann die Barriere weg, weils egal ist. So: Und in Englisch alles nochmal von vorne.
Hinzu kommt: Man beherrscht eine Sprache erst, wenn man diesen subtilen Humor ausüben kann (Ton für Zitat, Slang, Tempo…). Vorher ist immer nur Au Pair. Fühlt sich zwar schön global an aber ist irgendwie lahm. Das dauert und sorgt für Unsicherheit.
So ist es immer die größte Angst, wenn Besuch da ist und alle so mir nichts dir nichts Englisch reden. Stottern ja nicht und funktioniert ja einfach so. Zwei Drei Möglichkeiten: a.) Man sagt gleich dass man da Versager ist und stirbt nur noch vor den Aliens selbst vor Scham. b.) Man bleibt als der seltsam schweigende Klotz im wahrsten Sinne des Wortes zurück. c.) Man gilt als cool. Ist ein Drahtseilakt und geht nur bei Ravern und Raves. Bei Rockern und Konzerten und Indie-Tee-Trink Sit-Ins unmöglich.
Trotzdem gelang mir c. hier und da. So gut, das ich sogar mehrfach wieder erkannt und angesprochen wurde (HELP). Obwohl ich ausser “Yes” und “OK” wirklich nie was gesagt habe. Und das auch nur nach10-20 sec. Würgebewegungen (das war meine Art zu Stottern, der Mund bleibt stumm, bis das Gehirn fertig ist). Ich wollte übrigens immer was anderes sagen, aber die Alternativ-Verzweigung (s.o.) bot eben nur Yes oder OK. Es kam sogar so weit das der Bruder (im Geiste oder Real) vom DJ Sasse fast bei mir eingezogen wäre. Er war auch schon in meiner Wohnung und wir hatten über die “Details gesprochen”. Natürlich auch nur mit Yes und OK. Ich dachte er versteht schon irgendwie alles, man hört ja die gleiche Musik, weiss aber bis heute nicht.
Durch mangelnde Rückrufe meinerseits und andere Wohnungsanbieter kam die Rettung. Wär ne tolle WG geworden. Wohl aber doch Schocktherapie.
Von Null Auf Hundert in Zwei Stunden
Vom Fachmann für Kenner. “Ich erkenne Ossis in zwei Sekunden” sagt der Westler, der auf das von ihm unerkannte Ostblockgirl zwei Stunden eingeredet hat.
Rockscheiße Revisited
Wir dachten, Techno hätte die Gitarre getötet. Damals. Dann wurde Indie-Pop als Genre erfunden. Damals. Im Ergebnis Rock-Nudelsalat überall. Heute. Kotzt man so, wie man ihn aufnimmt. Was nicht bedacht worden war: Das fortschreitende Alter der Konsumenten und Produzenten. Erst wenn der letzte Rolling Stone gestorben ist, werdet ihr merken, daß man Geld sehr wohl essen kann. Deshalb kommt im Juli nach 23 Jahren das erste neue Album der Frühsterben-Fake-Dogmatiker The Who (Letzter guter Witz: Pete Townshend kuriert Alkoholsucht mit Heroin, zirka 1981).
Deutsche Freude
Junge Frauen, Strassenbahnhaltestelle, Berlin, Ecke Bornholmer/Schönhauser. 20.17: “Deutschland. Sieg Heil! Haha”
Sein Und Zeit (2): Fussball-Nerds
Der betont joviale, jecke Jungmann ist Fussball-Nerd. Wenn mit Freundin, dann sieht die aus wie 15, ist aber 30. Wußte immer, was sie nach dem Studium macht und ist zierlich und unsexy. Der Fussball-Nerd ist erkennbar 28 aufwärts. Die aktuelle Erscheinung zum Leichtnehmen und Leichtmachen. Zwangsnett im Sinne von “ganz nett”. Optisch wie aus der Indie-Band (eher kurzärmeliges Streifenhemd als T-Shirt, eher HipHop-Hose als 501). Kommunikativ freundlich-fragmentarischer WG-Style. Wortmeldungen laufen über Details aus der Fussball-Geschichte, nicht mehr aus der Pop-Geschichte. Alles ist schon immer vorbei, Versprechen gibt es nicht mehr. Das 11-Freunde-Heft ist aber trotzdem gut.