Schlaf schneller, Genosse

Hätte, Würde, Könnte (Lindenbergautomat)

In dem Film “Panische Zeiten” (1980) wird Hauptdarsteller Udo Lindenberg über der Nordsee abgeworfen. Er überlebt und schwimmt zurück. “Gegen Deutschland”: Damals wollte er zusammen mit Hermann L. Gremliza die Hamburger “Morgenpost” kaufen. Ab 1982 trägt er Hut, Sonnenbrille und Lederjacke. Im Radio läuft ständig “Hinterm Horizont geht’s weiter” und anschließend gar nichts mehr.

Vorher hatte Lindenberg 1979 in dem Buch “Hinter all den Postern” geäußert, lieber auf das Klo zu gehen und zu onanieren. Alternativen wären zu anstrengend. Seitdem verstopfen jede Menge ältere Lederjacken die Toiletten bei seinen Konzerten. Wer heute von den Erwachsenen nicht ganz beieinander ist, der hat bis 13 Lindenberg gehört. Auf ihn und Rio Reiser und sonst keinen bezieht sich hierzulande die gesamte singende Jungskultur. Auf der neuen Jan Delay (“Mercedes Dance”) tritt er auf, der alte Lindenbergautomat. “Alles ist im Arsch, alles ist am Ende und alles was du noch sagst, ist: hätte, würde, könnte.”

http://www.taz.de/pt/2006/05/15/a0130.1/text

http://www.jungewelt.de/2006/05-16/031.php

Bitte Vernichten: Kassel

“Die Jugend von heute”, wie Joachim Lottmann sagen würde, veranstaltet in Kassel Parties, bei denen sich Studenten als “Pimps” und “Pinks” verkleiden sollen. 20-30 Prozent leisten Folge. Gespielt wird dämlichste Musik (Chubby Checker: “Let’s twist again”), die Zuhältertypen tanzen  kaum, die Nuttenmädchen schon. Wer in den Nebenraum geht, um zun lesen, wird “geht’s dir gut?” gefragt. Der Sex war schlecht, erzählt man sich am nächsten Tag. Kassel ist: Panzer-Fabrik und um die Ecke Tofu-Fabrik.

Energie Cottbus Ohne WARP-Antrieb

Was wir nicht brauchen: Energie Cottbus in der ersten Bundesliga. Rumpelfussball aus der fast vollständig national befreiten Zone. Die berühmten deutschen Tugenden. Durch Kampf zum Spiel. Und danach jagen die Energiefans die ausländischen Spieler durch die Stadt.

Sweatshop Osten: Hier kann man nur mit solchem Fussball Geld verdienen. Der ist aus dem selben Beton gegossen wie die gesamte depressive Plattenbau-City. Dort sind die Häuser so hoch damit man besser runterspringen kann. Andererseits gibt es Rumpelfussball ab Platz Fünf abwärts der ersten Bundesliga. Das ist die moderne Klassengesellschaft in der Unterhaltungsindustrie. Besonders unangenehm ist der davon abgeleitete dumpfe Stolz der alten Ost-Klubs BFC, Union, Lok, etc - deren Anhänger verteidigen noch jede Barbarei auf und neben dem Platz als wahre Freude.

Politik Im Alltag

Problemstellung: Zwei verpackte Sachen tragen, die nur unverpackt vorher identifizierbar waren. Man möchte sie lässig auch nach langer Transportdauer präsentieren können ohne sie nochmal prüfend öffnen zu müssen. Lösung: Die Ware politisch einteilen, auch wenn’s manchmal schwerfällt. Beispiel: verschiedene Sorten Kaffee vom Drittanbieter für die Kollegen morgens. Latte Macchiato also mal eher rechts hin und der schwarze links. In dem Zuge ein alter Tipp meines Bruders: “Wenn du dir Bug und Heck beim Schiff nicht merken kannst, dann denk einfach an Dieter Thomas Heck, der ist das letzte”

Zieh Schneller, Nichtraucher!

Zigaretten werden geatmet. “Lungenzüge tief ins Leere” (Einstürzende Neubauten). Die zenbuddhistische Wahrheit besteht darin, dass es egal ist, ob man 50 Zigaretten oder null Zigaretten raucht. Man kann also auch nicht rauchen. Wenn man heilig sein will. Ab 30 ist das Nichtrauchen cooler als das Rauchen, denn das ist körperlich, das Nichtrauchen dagegen philosophisch. Das letzte Abenteuer unserer Zeit. Und deshalb masochistisch. Man hat dann zu viel Zeit.

Lippe Lecken

Eine Straße überqueren. Eine Person angucken. War eben noch da. Wird sie weiterhin da sein? Die Lippen werden nicht geleckt. Das ist ein Befehl. Die Lippen werden nicht geleckt. Nein. Das sieht niemand. Man kann sich beim Laufen nicht beobachten. Jedenfalls nicht ins Gesicht sehen.

Pusher I-III

Nach früheren Drogentheorien – Stand Sozialkundeunterricht 7. Klasse, Gymnasium Anfang der 80er – macht es nach beliebigem Erstkonsum KLICK und alles ist zu spät. “Da wird ein Hebel in eurem Kopf umgelegt und ihr seid andere Menschen” warnte der Lehrer. Das schafft Respekt. In den drei “Pusher”-Filmen von Nicolas Winding Refn legen sich die Leute eine Line nach der nächsten, ohne umzufallen. Das schafft Normalität. Der Lehrer erzählte ferner, regelmäßig samstags ins Neubaugebiet zu fahren, 15. Stock und dann rauf auf’s Dach, Klappstuhl raus und mit dem Fernrohr die Menschen in den anderen Hochhäusern beobachtet, “niemals werden sie euch erzählen, was ihr dann sehen könnt.” In “Pusher” III beginnt der liebenswerte Heroin-Chef aus Balkanesien zum Schluß zwei Menschen zu schlachten. Allerdings mutmaßlich im Erdgeschoß

Schöne Wellen

Es gibt Computer, die machen Filme, die von anderen Computern angesehen werden. Nur manchmal werden diese Bilder von Menschen angeschaut - zur punktuellen Funktionskontrolle von Technikern. “Wenn diese Bilder eine Schönheit haben, so ist sie nicht beabsichtigt” heißt es in Harun Farockis 18-Minuten-Film “Auge/Maschine III” (BRD 2003). Darin kann man auch sehen, wie die Nazis ihre V1-Rakete Technikern mit einem Lehrfilm nahebringen wollten. Zuerst startet die Rakete senkrecht (Realfilm), kippt dann nach vorn und fliegt waagrecht (Animation) über das Meer (Richtung England). Das Meer ist gezeichnet, aber seine Wellen glänzen. Es wurde für den Krieg schön gemacht. One bomb, one target: Früher wurden Bomben verkauft, heute legt man gesteigerten Wert auf Steuerungssysteme. “Höchste Treffsicherheit ist am wichtigsten für humanitäre Bedingungen”.