Schlaf schneller, Genosse

Last Action Raucher (1)

kippen

Last Action Raucher hat Husten. Morgens, tagsüber, nachts. Raucht er die grünen gesunden, ist’s nicht so schlimm. Aber man muss so stark ziehen. Die einzelne Zigarette leistet Widerstand, so wie Last Action Raucher gegenüber den feindlichen Heeren. Täglich liest er in der Zeitung von neuen Machenschaften: Mit dem Rauchen im Taxi soll bald Schluss sein. Manche sagen, mit dem Rauchen hinterm Steuer generell. Last Action Raucher raucht auf Vorrat, für den Lungenkrebs, gegen die AOK.

Alltag Im Void

Bisher hats noch erstaunlicherweise jedesmal gut geklappt. Der seltsam asketisch anmutende Alltag bei dem/der neuen LebensabschnittspartnerIn. Wer unter normalen Umständen so leben müßte, würde verrückt/depressiv/abgestumpft werden. Fremde Wohnung, ihrer Funktion als Lebensmittelpunkt beraubte Computer, manchmal nicht mal Internet, kein dudelnder Media-Input die ganze Zeit, wichtige News sind plötzlich weniger wichtig. Was bleibt da anderes übrig als Sex oder Alkohol?

Psychopathologie Der Palästinenser: Emanzipation Ist Nicht

In Berlin ist die 19. Ausgabe des “Gegner” erschienen. Traditionell ein sympathisch zusammengeschustertes Anarcho-Off-Record-Fanzine aus dem Franz-Jung-Bekennerkreis des Original-Prenzlauer Berg von vor ‘89 (ein Artikel von Julia Sohn-Nekrasov beginnt so: “Fussnote II. Der Verrückte möchte etwas anderes. Er möchte nicht versorgen. Er möchte keinen Alltag. Er neidet aufrichtig die da In-ihrer-Zielsicherheit-Geborgenen! - und sein Spott quirlt dann und macht ihn wach”), der trotz Kaminer-Kaffee-Burger-Geschäften immer noch nicht als sonderlich solvent bezeichnet werden kann, liegt ihm nun als “einmalige Sonderausgabe” ein Heft der 2. oder 3. Generation dieses Milieus bei: “Floppy-Myriapoda”. Es enthält ein “Reisetagebuch” vom Musiker und Dichter Alexander Krohn über einen Besuch in der Westbank. “Wir, das sind: Evi Haupt, Zentral- und Südostasien-Studentin, spricht 10 Sprachen, neben dem Üblichen Arabisch, Persisch, Burmesisch, Paschtu, Thai. Ausserdem: Maddi Kraushaar, studierter Ökononom, genannt Der Neger, Betreiber eines Leipziger Journalisten-Büros - und ich.” Erlebt wird hauptsächlich Hitze, allgemein setzt die Reisegruppe “wie immer auf den Idiotenbonus”.

Interessanter als ihre Erlebnisse sind fünf auf superbrutalnaive Weise durchgeführte Interviews mit palästinensischen Aktivisten der verschiedenen Fraktionen, die den Vorteil bieten, das sie emotionale Problemlagen verdeutlichen und zeigen, wie Politik sich anfühlt, wenn man sie nicht verstehen will. Historische Kontextualisierungen sind verpönt, die reine Gegenwart darf nichts anderes als schmerzen und Zukunft ist streng verboten. Dabei fällt einmal mehr auf, das es der gesamten Region seit Jahren an jeglicher emanzipatorischer Perspektive fehlt. Wird doch die Aggressivität sowohl von israelischer als auch palästinesischer Seite strikt defensiv begründet. Notwehr, Notwehr - das ist nicht nur langweilig, das ist brutal. Asem J. R. Abddalhadi vom Politbüro der kommunistischen PPP spricht es aus: “Wir wenden keinen militärischen Widerstand gegen die Israelis an (…) Wir kamen zu der Schlussfolgerung, dass wir allein durch militärische Mittel unser Land nicht befreien können. Schon deshalb, weil am militärischen Widerstand nur wenige Menschen teilnehmen. Militärische Mittel helfen vielleicht, aber der einzige Weg sind politische Verhandlungen.” Was die Typen der Hamas und vom Islamischen Jihad daherzwitschern, bleibt erwartungsgemäss wirr. Ähnlich dem, was BRD-Nazis in Interviews dunkel andeutend von sich geben, weil sie nicht strafrechtlich belangt werden wollen. Das Elend der früher von diversen westdeutschen Linksradikalen favorisierten DFLP wird von Osama Yaseen, einem ihrer Studentensprecher, verdichtet:

Frage: Gibt es Kontakte zu Anarchisten? Antwort: Die, die nicht an Führer glauben, sind einfach eitel und egozentrisch (…) Frage: Kennst du die EZLN? Antwort: Nein. Frage: Gibt es Märtyrer in der DFLP? Antwort: Ja, viele. Diejenigen von uns, die nicht durch die Checkpoints gelassen werden, versuchen oft über die Berge zu kommen - allein dabei wurden viele erschossen. Abgesehen davon wurden bereits 13 Führer der DFLP bei ihrer Arbeit ermordet.

Zimmermänner Are Back in Town (Warum Schmust Du Nie Mit Meinem Gehirn?)

Am 2. März erscheint “Fortpflanzungssupermarkt”, die neue Platte der Zimmermänner auf “ZickZack”. Die erste seit 23 Jahren, insgesamt die dritte. Manche sagen von dieser Hamburger Band, besserer Pop (englisches Perfektionsmodell) sei in der Bundesrepublik niemals angefertigt worden. Ein Büro-Listening zu dritt mit den Liedern “Christiane Paul” und “Warum schmust du nie mit meinem Gehirn?”:

A: Ich finds super. B: Nicht so schlimm wie ich dachte. Aber Pennälertum. A: Macht Morrissey doch auch so. B: Eben. Pennälern fällt nichts anderes ein. C: Gepflegter Opi-Jazz. B: Das ist kein Jazz. Das ist scheiss. C: Doch. B: Nein. A: “Setzt dich hin und halt das Maul, jetzt kommt Christiane Paul.” B: Das “Gehirn”-Lied ist besser. A: Die Zimmermänner, wie wir sie einmal kannten. C: Können wir das jetzt mal ausmachen?

Letzte Ausfahrt Befreiungstheologie: Kurt Krömer

taz: Herr Binger, wer versprüht heute typischen Berliner Witz?

Lothar Binger: Kurt Krömer.

Der hysterische Neuköllner Kleinbürger, die Bühnenfigur eines jungen Komödianten?

Diese Figur verkörpert den Berliner Witz perfekt: Krömer hat ein geringes Selbstwertgefühl, ständig schwankt er zwischen Resignation und Größenwahn. In einem Moment erzählt er, wie er in der Schule gedemütigt wurde und sich nur mit Worten wehren konnte. Im nächsten beschimpft er sein Publikum. Der Witz hat ihm geholfen, sich zu behaupten. Kurt Krömer, das ist der psychisch entblößte Mensch.

Wie reagieren Menschen, wenn sie hören, dass Sie den Berliner Witz erforschen? Die wollen doch sicher Scherze à la Krömer hören.

Das passiert oft. Wenn ich ihnen sage: “Ich mache keine Witze, ich analysiere die Bedingungen, unter denen der typisch berlinische Witz entstanden ist”, dann herrscht meist eine Weile Schweigen. Witz und erzählter Witz - das sind zwei unterschiedliche Dinge. Danach nenne ich aber meist ein Beispiel.

Und zwar?

Typisch für den Berliner Witz könnte folgende Szene sein: Ein Mann betritt ein Zugabteil und sagt: “Wenn ick ei’m aus Versehen auf die Hühneraugen trete, hau’ ick ihm direkt eens uff de Fresse. Damit er mir nich’ krummkommt.”

(Aus der “taz”, Berliner Ausgabe, von heute)

Über Kurt Krömer schieb Julia Schön am 19.12.2005 in der “jungen Welt”:

Es gibt auch »Schantre«, einen »indischen Schnaps« for free, aber nur für Kurt Krömer in dessen gleichnamiger Show, eingeschenkt vom Transvestiten Edith Schröder - »the queen from the Hermann-Place«. Krömer ist aufgewachsen in Neukölln, die »Kurt Krömer Show« läuft immer wieder sonntags im RBB und ist dort fast die einzige Sendung, die man sich bei vollem Bewußtsein, also noch vor der Happy Hour im Bechereck, antun kann. Der wie von Mutti angezogen wirkende Krömer serviert »Neuet aus Neukölln«, führt Pseudointerviews mit Prominenten, sagt immer die Moderationsbausteine »so« und »und nun«. Der von ihm entworfene verbiestert-charmante Showcharakter tendiert zum Amoklauf, etwa so wie Michael Douglas in »Falling Down«.

Ist der Gast in der aktuellen »Kurt Krömer Show« einer Art »Klimbim«-Familie terroristisch ausgeliefert, mußte er früher vorzugsweise körperwarmes Discounterbier ganz allein mit Kurt Krömer schlürfen. Dem fällt zu seinen Gästen nie etwas ein, denen daraufhin gleich gar nichts mehr einfällt. Anders als bei »Zimmer frei« haben sie auch keine Chance, sondern höchstens zweieinhalb Minuten. Gregor Gysi wird von Krömer gefragt: »Woll’n Sie was trinken, n’ Wasser oder so?« Er preßt ein »Ja, klar« hervor und wird mit einem »Bitte sagt man!« angeraunzt. Hellmuth Karasek schafft es gerade so, seine These loswerden, er wäre »in erster Linie ein Mensch«.

Vanity Fair Enough

Die deutsche Ausgabe von “Vanity Fair” ist nicht so übel, wie allerorten behauptet. Bezeichnenderweise waren fast alle Kritiken negativ - und viel besser geschrieben als das Einheitsartikeldeutsch in “Vanity Fair”. Wie man früher gefragt hätte: Was ist die Sprecherposition? So gesehen kann das neurotisch statt originell auftretende Boulevardmagazin “Spiegel Online” auf jeden Fall die Klappe halten. “Vanity Fair” ist in erster Linie harmlos. Es vereint die ekelhafte Redundanz des “Focus” mit der harmlosen Gemütlichkeit von “Brigitte”. Krass ist hingegen, dass man zwischen den Saunagängen oder vor der Wurzelbehandlung beim Zahnarzt künftig eher zu “Vanity Fair” als zum “Stern” greifen wird - mit dem Argument, das dort “noch mehr drinsteht”. Ein Inhaltsargument für ein inhaltsloses Heft - das ist der State of the Art im journalistischen Geblubber 2007.

Rocky Balbao Nachschlag

  1. Schön, dass das kauderwelschig-städtisch anmutende selbstrefentielle Gelaber von Rocky 1 wieder dabei war

  2. Der Champion war der schwächste Gegner, den Rocky je hatte

  3. Der Looser-angenagt verzagende Sohn war das was man mal Yuppie nannte

  4. In höherem Alter ist Sylvester noch viel mehr Koffer als je zuvor (Beispiel rotes Jackett)

  5. Fremdgehen und andere Düsterkeiten scheinen einzig und allein den Intellektuellen zu gehören

  6. Adrien war einfach wirklich immer unsexy

  7. Paulie raucht zuviel

  8. Das Restaurant, das Rocky halt hat überträgt sich wunderbar auf das unpassende an Sylvesters privater Kunst-Sammlung

  9. Filmische Zugeständnisse an die Neuzeit: Sin City-ische Farbverfremdungen, komische Perspektiven, Spielen mit Geschwindigkeiten beim Kampf, Japan-Pop Varianten des Themes

Was Rocky früher war

Track vs. Song Revisited

In Nicht-Techno-Clubs gibt es immer das Problem dass man nicht tanzen sondern singen möchte.

Der Papa Wills Nicht Mehr Richten

Der letzte große markt- und verbalradikale Wahnsinnige der CDU macht sich vom Acker. Sein Vater folgt wie ein familiäres Hündchen. Nach 51 Jahren Parteimitgliedschaft wirft auch Joachim Merz im Alter von 81 Jahren hin. “Das ist nicht mehr meine Partei” und so, denn “das funktionierende System der privaten Krankenversicherung wird kaputt gemacht - das halte ich für Sozialismus” diktierte er der “Bild”-Zeitung ins Merkheftchen. Zum Abschied seines Sohnes Friedrich aus der sogenannten Politik meint er: “Ich habe ihm nicht dazu geraten, aber ich hätte es ganz genauso gemacht.”