Schlaf schneller, Genosse

Castro Im Cache

Mit Fidel Castro wird das sozialistische Kuba sterben. Kurz vor seinem 80. Geburtstag (13.8.) wurde der Maximo Leader mit Magen-Darm-Blutungen ins Krankenhaus eingeliefert. Die Amtsgeschäfte führt sein Bruder Raul (75) weiter. Die beliebteste Kuba-geil-finden-Argumentation, die keine ist, sondern eine bauchkommunistische und damit immer okaye Grundsatzentscheidung, klingt wie die früher Absoluten Beginner, ist aber viel älter: “Dies ist nicht Amerika!”.

Das winzige Kuba ist die Sowjetunion von heute, in einer Modelleisenbahn-Miniaturausgabe. Als Lokomotive der Geschichte hat die Kommunistische Partei Kubas nicht mehr viel zu ziehen. Ihre Ausstrahlung auf Lateinamerika ging nie weiter als ihr kostenloses Medizinprogramm. Eine sehr sympathische Form der Auslandspolitik. Vermutlich hat sich auch hier insgeheim eine lockere postmoderne Weltbetrachtung (alles sehr heterogen, kompliziert, divergent) durchgesetzt, die offiziell hinter einem ideologischen Cattenacio versteckt wird (wenn nicht gerade Stromausfall ist). Ein schlechtes Omen war das Debakel der kubanischen Fussball-Nationalmannschaft gegen den letzten linken Berliner Club. Immerhin keine weitere Niederlage der westdeutschen Linken.

Sein Und Zeit (4): Remoulade

Die Geschmiertheit ins Da ruiniert noch jedes Imbiss-Versprechen. Meist beim ordinären Bäcker (Salami), aber auch bei den sich ausbreitenden Niveau-Stullen-Stationen (Ciabatta, Dinkelbio oder Olivenbaguette mit…Salami) findet sich der grundfalsche Brotaufstrich, dessen Geschmack so penetrant nach vorne springt. Kartoffelsalatalarm! Kalorien, die man sofort merkt und hasst. Kommt zahnpastagleich aus der Tube - soll man sein Leben derart ausgepresst gestalten? Warum nicht Butter (lecker & gesund)? Warum nicht Margarine (steichflott und dezent)? Vermutlich ist die Tube hundert Jahre lagerbar. Zum Glück wird kaum jemand so alt.

Nerd-Begriff Leider Endgültig Im Eimer

Jede doofe Else sagt jetzt schon “Fahrrad-Nerd” (Als hätten diese geschmacklos gekleideten Typen was mit uns zu tun) oder beim FantasyFilmfest ist die Rede von “Film-Nerds”. HALT! Nerds sind doch nicht alle Menschen, die sich mit irgendwas beschäftigen?! Muss schon was mit Computern zu tun haben. Nerds sind Computer-Wizards, die intelligent und sozial irgendwie inkompatibel sind, aber mit dem Twist das daraus vielleicht neue Umgangsformen enstehen (Dekonstruktion von Männlichkeit, eben intelligenz, Nüchternheit, echte Verspieltheit, …). Also etwas worauf man durchaus stolz sein kann. Und jetzt? Aufgeben und auf Geek zurückziehen? Bald gibt es bestimmt “Briefmarken-” oder womöglich sogar “Motorrad-Geeks”. Dabei findet die klassische Spaltung eben anhand letzgenannter Koordinate mit 14 an. Konfirmationsgeld für Mofa oder für Computer ausgegeben?

Israel, Libanon Und Die Sportschützen

Bei der Weltmeisterschaft der Sportschützen in Zagreb gelingt den deutschen Sportschützen nichts. Nur Platz 27 für den Olympiazweiten Christian Lusch, der Rest unter ferner liefen. “Das Ergebnis ist unter der Gürtellinie, schlichtweg schlecht”, schäumt Gewehr-Bundestrainer Claus-Dieter Roth. Die “Systemfrage” wird für die Sportschützen neu aufgeworfen: Schlechtes Training macht schlechtes Wetter im Verband. Die politischen Sportschützen beteiligen sich lieber am Libanonkrieg – schön von zu Hause aus, da stirbt sich einfach schwerer.

Was vom Antizionismus der Siebziger Jahre übrig geblieben ist, rumort weiter erwartungsgemäß schockschwerenot in der “jungen Welt”. In der heutigen Ausgabe will Werner Pirker zum x-tenmal “das Existenzrecht des Staates Israel” in Frage stellen, weil es “ in der Verhinderung des Selbstbestimmungsrechtes anderer Völker begründet” sei. “Ein wirklich neuer Naher Osten kann nur im Kampf gegen diesen Zustand entstehen”. Als wollte Israel die arabische Welt vernichten, dabei ist es eher umgekehrt. Selbstverständlich ist es das dümmste von der Welt, wie weiland Georg Danzer “Gebt”s uns endlich Frieden” zu rufen. “Frieden” fordert man nie ohne agitatorische oder propagandistische Absichten, es sei denn, man ist wirklich so matt, wie man tut. “Frieden” ist mit den Judenkillern der Hamas und der Hisbollah nicht zu machen. Entsprechend halten 65 Prozent der Deutschen, die einem bekannten Bonmot zufolge, den Juden Auschwitz nie verzeihen wollen, Israel für die größte Bedrohung des Weltfriedens. “Der Antisemit, sagt Sartre, will den Tod des Juden” schreibt Hermann L. Gremliza in der August-Ausgabe von “Konkret”. Die Antisemiten sind im Nahen Osten als Guerilla organisiert. Das schafft Probleme, auf die der politische Sportschütze Gremliza mit einem Wunderglauben an die israelische Armee reagiert. Als gelte es wie in einem Konsolespiel den Endgegner zu schlagen (der vermutlich nicht einmal in Teheran sitzt), hat es der Militör mal wieder sehr schwör. “Nur selten wagen sich die Gotteskrieger an israelische Militärpersonen, es ist nicht der Soldat, den sie töten wollen, es ist der Jude. Auch die israelische Armee tötet leider Zivilisten, aber nicht weil sie Araber töten will, sondern weil Allahs Helden sich am liebsten hinter ihren Frauen und Kindern verstecken.” Diese verdammten arabischen Weicheier sind Gremlizas Sache nicht. In Godards sehr gutem Maoisten-Spielfilm “La Chinoise” von 1967 heisst es: “Vom Standpunkt der Strategie muss man seine Feinde verachten. Vom Standpunkt der Taktik aus muss man sie zumindest berücksichtigen.”

Kernproblem Kollegen

Die machen alles falsch. Wie sie aussehen. Was sie sagen. Am schlimmsten: worüber sie lachen.

Hochbegabte Mörder

eigentlich ein MonsterGeniale Kinder sind also hochgradig sensibel? Dazu zählt doch auch Empathie. Da ja jeder gerne zumindest latent genial wäre, frage ich mich nun wer früher Insekten gequält hat und wer nicht. Mein lieber aus den Augen verlorener Freund Mathematikprofessor hat damals jedenfalls widerlegt und die Waschbecken-Nadel-Schleifchen-Methode für Mücken / Fliegen erfunden.

Wie bedenklich ist es hingegen eine Mücke / Fliege plump und kalt umzubringen und danach unter bitteren Tränen zu beerdigen (~1980)? Nachbar meinte jedenfalls ”Weje enerer Mick, der hot net all am Sträusschen”.

Alarm in Teltow

Das “Neue Deutschland” ist seit 61 Jahren die langweiligste deutschsprachige Zeitung (1). Von den ältlich-sozialistischen Kräften (Hauptzielgruppe) wird es liebevoll “ND” genannt und für eine Art “FAZ” der DDR gehalten - Lokalzeitung als Lebensentwurf. Ein weiterer, vorrangig ästhetischer Irrglaube der Zone.

Gerade deshalb sind diese Leute die Hauptzielgruppe des Blattes nach dem Motto: “ND” lesen und sterben. Ein erfolgreiches Projekt: Die Auflage sinkt stetig. Was soll man auch mit dieser Zeitung? Nachdem das “ND” um 1989 sein zeltdachartiges Riesenformat abgeschafft hat, bleibt ihm neben der Höllenfadheit als Alleinstellungsmerkmal nur noch der geile Name (2) und der hirnverbrannte Oberschülerschreiber Hans-Dieter Schütt. Ähnlich wie Bill Clinton Joints geraucht haben will ohne sie zu inhalieren, tunkt das “ND” seine Leserschaft täglich in nervöse Weltläufte, die nicht die ihren sind. In der heutigen Ausgabe zeigt sich die Brandenburg-Redaktion besonders darüber alarmiert, dass in diesem Bundesland “immer öfter völlig betrunkene Auto- und Fahrradfahrer” der Polizei begegnen: “Ein 51-jähriger Autofahrer in Weisen (Prignitz) konnte nicht einmal mehr ins Messgerät pusten, stattdessen saugte er daran. Unter Alkohol- und Drogenfluss sowie mit einem Handy am Ohr radelte ein 19-jähriger durch Teltow (Potsdam-Mittelmark). Und das Fahrrad war vermutlich auch noch geklaut.”

(1) Langweiligste deutschsprachige Zeitungen: 1. Neues Deutschland 2. Hamburger Abendblatt 3. Darmstädter Echo 4. Neue Zürcher Zeitung 5. Freitag

(2) Totalitarismustheoretische Ambivalenz hits harder. Ungefähr so, wie Christoph Schlingensief 1998 für seinen sehr hübschen Wahlzirkus “Chance 2000” kurzzeitig die Parole ausgegeben hatte, man müsse “noch neo-faschistischer auftreten”.

Ganz Neu Und Ganz Verbraucht

Die Frau, die wirklich so heißt wie sie heißt, ist jetzt Chefredakteurin der Zitty. Im neuen Heft hat Mercedes Bunz die Titelgeschichte geschrieben. Es geht um “Die neuen Berliner Jungs”. Die sind “einfach erstmal da” und “ruhig, entspannt und lässig”, aber: “Intensivväter” - betrachtet man zumindest die “wochentags männerleeren Innenstädte Westdeutschlands”. Im Editorial behauptet Bunz: “Dem Mann ist sein klassisches Rollenmodell abhanden gekommen”. Ihr selbst sind die verbrauchtesten Wörter noch nicht abhanden gekommen: “Ernst des Lebens”, “bedenklich”, “normativer Entwurf”, “das Kleine”, “Public-Viewing”, “doppelt schwer”, “regelrecht”, “Stütze dieser Gesellschaft”, “allgemeiner Tenor”. Sie wurden vom Sommerloch nicht verschluckt.